Tagung (Post-)koloniale Erinnerungen im Nordwesten

12. /13. Oktober 2023 im Ostfriesischen Landesmuseum Emden

1. September 2023

Foto: Projekt Ostfriesisches Landesmuseum, Emden Architekt: Ahrens, Grabenhorst

Anknüpfend an die in den 1980er Jahren in den angelsächsischen Ländern aufgekommenen postcolonial studies richtet sich seit etwa 2010 verstärkt auch das Augenmerk der deutschen Geschichtswissenschaft auf Deutschlands koloniale Vergangenheit und ihre Auswirkungen in die Gegenwart. Geschichtsmuseen, regionale Museen und ethnologische Museen spielen in der Debatte sowohl aufgrund ihrer Sammlungsbestände wie auch als Orte der Geschichtsvermittlung eine zentrale Rolle.

Die Forschung der vergangenen Jahre hat gezeigt, dass sich Kolonialismus weder als vergangenes historisches Phänomen, noch als konsistente Monoerzählung betrachten lässt. Vielmehr ist gerade unsere globale Weltordnung bis heute zutiefst von Kolonialismen höchst unterschiedlicher Gestalt geprägt, die sowohl im globalen Norden wie im globalen Süden regional sehr unterschiedliche Wirkung entfaltet und Spuren hinterlassen haben bzw. rezipiert werden. Auch greift es zu kurz, bei der Betrachtung allein auf die kurze Epoche zu Blicken, in welcher Deutschland selbst Kolonialmacht war. Vielmehr waren Deutschland bzw. deutsche Territorien deutlich früher in koloniale Zusammenhänge eingebunden, auch reichen die Auswirkungen und Verflechtungen weit über das Ende des deutschen Kolonialreiches hinaus.

Während mit Studien und Initiativen etwa für Freiburg im Breisgau, Hamburg oder Berlin erste fruchtbare Annäherungen an regionale Kolonialismen in Deutschland vorgelegt wurden, fehlen diese für den Nordwesten nahezu vollständig. Dies nimmt insofern Wunder, als die Region schon aufgrund ihrer Küstenlage eine zentrale Rolle als Deutschlands Tor zur Welt einnahm. Dies gilt in besonderem Maße für die am Dollart gelegene Seehafenstadt Emden wie auch die im 19. Jahrhundert als preußischer Marinehafen gegründete Marinestadt Wilhelmshaven. Während die Geschichte Emdens insbesondere im 17. Jahrhundert, der Hochzeit des niederländischen Kolonialismus nach der Erlangung der spanischen Unabhängigkeit, aufs Engste mit der Geschichte seiner niederländischen Nachbarn verbunden war, fällt die Phase von Wilhelmshavens Wachstum mit der Hochzeit des Kolonialismus des Deutschen Reiches zusammen. Beide Epochen haben auch ihre Spuren in den Sammlungen und Narrationen der in beiden Städten ansässigen Museen hinterlassen. Doch auch für andere Orte auf der ostfriesischen Halbinsel werden sich bei entsprechender Forschung koloniale Bezüge erkennen lassen.

Das Ostfriesische Landesmuseum in Emden und die Stiftung Deutsches Marinemuseum in Wilhelmshaven veranstalten daher gemeinsam mit der Ostfriesischen und der Oldenburgischen Landschaft diese Tagung, welche den Beginn einer „Kartierung” (post-)kolonialer Erinnerungsorte und Akteur:innen im Nordwesten Deutschlands zum Ziel hat, die Akteur:innen vernetzt und einen Austausch zwischen Mitarbeitenden von Institutionen und Aktivist:innen ermöglicht.

Donnerstag 12. Oktober

9:30 Anmeldung

11:00 Begrüßung und Einführung

Jasmin Alley [Leiterin des Ostfriesisches Landesmuseums Emden]

Dr. Stephan Huck [Leiter des Deutschen Marinemuseums Wilhelmshaven]

Grußworte

Rico Mecklenburg, Präsident der Ostfriesischen Landschaft

Dr. Michael Brandt, Geschäftsführer der Oldenburgischen Landschaft

Lena Nzume, MdL (angefragt)

11:45-13:15 Kolonialgeschichte Emden (AT)

Großfriedrichsburg, die erste deutsche Kolonie in Afrika? Brandenburg-Preußen, Atlantische Verflechtungen und nationales Gedächtnis – Prof. Dr. Roberto Zaugg, Uni Zürich (per Videocall)

Nordwestdeutsche Verwicklung in Sklaverei und Sklavenhandel – Prof. Dr. Rebekka von Mallinckrodt, Uni Bremen

13:15-14:15 Mittagspause

14:15 – 16.00 Kolonialgeschichte in Emden und Wilhelmshaven (AT)

Emden, Wilhelmshaven, Malaria und koloniale Netzwerke, 1900 bis 1914 – Dr. Manuela Bauche, Freie Universität Berlin

Der „Platz an der Sonne“ am Jadebusen – Jan Kawlath, Freiberuflicher Historiker, Hamburg

Der Kolonialrevisionismus in Wilhelmshaven zwischen den Weltkriegen und das Marine- und Kolonialmuseum von 1935 – Leon Julius Biela, Studierender Uni Freiburg

16:00 bis 16:30 Uhr Kaffeepause

16: 30 – 18:00 Erinnerungsräume dekolonisieren (AT)

Dekoloniale Interventionen im Nordwestraum – Soniya Alkis, Dr. Katharina Hoffmann, AK Koloniale Kontinuitäten Oldenburg, DeKol Netzwerk Nordwest, Wilma Nyari, ISD, DeKol Netzwerk Nordwest

Kolonial-rassistische Prägungen des Emder Stadt- und Lebensraums, Impulse für eine dekoloniale Erinnerungskultur – Mechthild Exo und Kristina Lubas, Hochschule Emden/Leer

18:45 Schwarze Perspektiven auf Dekolonisierung

Gespräch mit Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Bund.
Moderatorin: Gisela Ngomo

An der Dekolonisierung der deutschen (Einnerungs)kultur wollen sich viele beteiligen, Museen, Bildungseinrichtungen, Wissenschaftler*innen oder auch Stadtverwaltungen und politische Parteien. Es gibt auch viel Engagement in der Zivilgesellschaft. Dabei gerät nicht selten aus dem Blick, dass Kontinuitäten des deutschen und europäischen Kolonialismus wie Rassismus, soziale Ungerechtigkeiten und darauf regionale und global basierende Machtstrukturen schon seit Jahrzehnten von Schwarzen Communities und People of Colour in Deutschland öffentlich thematisiert worden sind. Mitunter wird dies sogar (bewusst) vergessen. Im Gespräch mit Tahir Della werden die Perspektiven Schwarzer Menschen und People of Colour auf die gegenwärtige Entwicklung der dekolonialen Praxen Thema sein. Was wird in Communities unter Dekolonisierung verstanden? Welche Entwicklungen werden positivgesehen? Was wird in den verschiedenen Dekolonisierungspraxen marginalisiert? Was fehlt?

Tahir Della (er/ihm) ist seit 1986 Aktivist der ISD und fester Bestandteil der jüngeren Schwarzen Bewegung in Deutschland. Seit Gründung des bundesweiten ISD-Verbandes 2001 war er bis 2019 im Vorstand eingebunden und an der Koordinierung der bundesweiten sowie lokalen Aktivitäten beteiligt. Seit Januar 2016 besetzt er die Promotorenstelle für diasporische Perspektiven in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit im Berliner Promotorenprogramm „Eine Welt“.Kontakt: tahirdella@isdonline.de.

Gisela Ngomo: Projektkoordinatorin für das Projekt Handeln mit Haltung von Vasudeva- eV. Projektleitung für Kunstprojekte und Diversity-Workshops, Künstlerin und Aktivistin). Kontakt: Gisela.ngomo@vasudeva-ev.com

20.15 Get Together

Freitag, 13. Oktober

09:00-10:30 Koloniale Kontinuitäten (AT)

Kolonialität von Strukturen des Nordwesten Deutschlands – Lara Wörner/Nelo Schmalen: (Doppelbeitrag), Universität Flensburg (Nelo Schmalen ist Promotionstudierende an der Uni Flensburg, Lara Wörner, Studierende an der Uni Flensburg)

Die Ethnogenese und der Tutsizid in Ruanda – Überlegungen zum kolonialen Erbe mit Blick auf Akteur:innen aus dem Nordwesten Deutschlands per Videocall – Dr. habil. Anne Peiter, Université de La Réunion

10:30 – 11:00 Uhr Kaffeepause

11:00 – 12:30 Museale Repräsentation (AT)

„Hey Hamburg, kennst Du Duala Manga Bell?“, MARRK Hamburg – Suy Lan Hopmann, Freie Kuratorin

„Hingucker“ Ausstellung, Bildungsstätte Anne Frank, Frankfurt – Jeanne Nzakizabandi, Freie Kuratorin und Tim Mulhanga, Freier Kurator

12:30 Schlusswort

13:00 Führung „(Post-) Koloniale Erinnerungen im Ostfriesischen Landesmuseum Emden“ (AT)

Samstag, 14. Oktober

Exkursion: Koloniale Erinnerungen in Wilhelmshaven

Treffpunkt Hbf/ZOB Wilhelmshaven um 11:30 bis 14:30
Stadtrundgang zum Deutsches Marinemuseum Wilhelmshaven

Teilnahmegebühr: 50 Euro, reduziert 30 Euro

Anmeldung bis 5.10.2023 unter: https://marinemuseum.ticketfritz.de/

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